Don Winslow – Tage der Toten

Tijuana, Mexiko. 48 Grad im Schatten, die Sonne brennt, in den Straßen brodeln die Leichenberge, weil die Corpse-Abfuhr streikt und in der Luft hängt der süßliche Geruch von geronnenem Blut, Angst und Testosteron. Im Hintergrund rattern die Geldzählmaschinen, irgendwo klingelt ein rotes Wählscheibentelefon. Ein finster dreinschauender Sicário mit fein ausrasiertem Menjou-Bärtchen, die verchromte AK47 locker in die Hüfte gestemmt, zwischen den blitzenden Gold-Zähnen einen glimmenden …

Tim Krabbé – Das goldene Ei

Es ist Ostern! Rex sucht Saskia. Eben war sie noch da. Saß seit den Niederlanden im Auto neben ihm, war mit ihm auf dem Weg nach Südfrankreich ins Ferienhäuschen, Lavendel schnuppern, Zikaden lauschen, Pernod nippen, Gitanes schmauchen, und jetzt, kurz nachdem die beiden die Route du Soleil verlassen und zum Tanken gestoppt haben, ist Saskia weg. Einfach so. Ohne ein Wort. Ohne Spaß. Schlicht und …

Bram Stoker – Dracula

Obacht, Männer! Jetzt geht’s um die Wurst. Es ist doch immer das gleiche! Da kommt es, das Monster aus dem Osten, kurz vor Türkenland, gotteslästerlich vor Gottes Angesicht in Ungnade gefallen, dem heidnischen Aberglauben entsprungen und zu ewiger Verdammnis bestimmt, schlägt es des nächtens – halb Mensch, halb Tier, furchtbar gutaussehend und sportlich – seine langen, spitzen Eckzähne in die schneeweißen Hälse Eurer, unserer Frauen. …

Heinz Strunk – Der goldene Handschuh

Vergammelte Omas. Interessiert sich kein Mensch für. Zahnlose Lederlappen in alkoholkonservierten Kittelschürzen, die für ein halbes Glas Fako den letzten Rest ihrer ranzigen Nachkriegs-Trümmer-Würde samt einer Runde Facki mit der Tochter per Bierdeckelvertrag an den deformierten, degenerierten Korsakow-Zwerg verkaufen, um dann vergewaltigt und zerschunden, mittels Fuchsschwanz in kniestockgerechte Portionen zerhobelt und als Fleisch am Stiel hinter Pappwand, Klebeband und ausgeblichene Masturbationsvorlagen gestopft zu werden. Da …

Patricia Highsmith – Der talentierte Mr. Ripley

„Mir doch egal, was der kleine Wannabe-Komparatist in Dir will. Tom Ripley ist Matt Damon ist Jason Bourne. Aus, Ende, Popcorn. Sei lieber froh, dass ich für Ripley nicht Sigourney Weaver auspacke, Du Aushilfs-Geisteswissenschaftler“, spricht mein inneres Auge und drückt mir Matt Damon aufs selbige. So sehr, dass ich fürchte, gleich kommt die Potente um die Ecke geschauspielergedarstellert. Literarische Perle vor die cineastische Sau, fühle …

Judith Schalansky – Der Hals der Giraffe

In den Sonnenstrahlen, die durch die schlecht geputzten Fenster scheinen, wirbelt der Staub der Jahrzehnte von den Regalböden der Präparatesammlung, die abgestandene Luft riecht nach den toten Fliegen und Wespen auf den steinernen Fenstersimsen, so trocken, dass sie zerfallen, berührt man sie; riecht nach den Milben in Fell und Federn der präparierten Hermeline und Kolkraben; nach dem Formalin der vergilbten Gläser voller Kröten, Schlangen und …

Robert Schneider – Schlafes Bruder

Wie Süskinds #PARFUM, nur mit den Ohren statt mit der Nase. Wenn Grenouille wegen seines Riechsinns von Prof. Xavier für #X-Men rekrutiert würde, dann Elias Alder wegen seines absoluten, überabsoluten Gehörs, das ihn während eines eindrücklich beschriebenen Erweckungserlebnis im Alter fünf Jahren überkommt.  Jedenfalls vegetiert Elias fortan mit seiner Superkraft als gelbäugige Perle vor den Säuen in den Koben seines von Inzest zerfressenen, degenerierten Bergdorfes, …

Dennis Lehane – Mystic River

Dennis Lehanes Amerika ist verrottet, korrupt und nicht mehr, als die Sehnsucht nach längst vergangenen Zeiten. Lange vor dem Rust-Belt, als das Blubbern der Acht-Zylinder Limousinen Made in USA über den nassen, nachtschwarzen Asphalt zwischen akkurat gemähten Vorgärten der Vororte glitt. Heute blättert die Farbe von den hölzernen Veranden im Bostoner Arbeiterviertel, der ausgefranste Star-Spangeld Banner schlägt matt im warmen Sommerwind und hinter den löchrigen …

Stefan aus dem Siepen – Das Seil

Manchmal braucht es nicht viel, um das Leben aus den Fugen geraten zu lassen. Für die Bewohner des namenlosen Dorfes in Stefan aus dem Siepens kurzem Büchlein DAS SEIL reicht ein Seil, dessen Ende eines Abends auf einer Wiese unweit der Häuser des Dorfes liegt und von dort in den Wald führt. Ein gutes, ein dickes, solides und ziemlich teures Seil, eines wie es keiner …

Cormac McCarthy – Ein Kind Gottes

Lester Ballad ist draußen wie ein Dixi(e)-Klo, wahrscheinlich war er nie wirklich drin. Selbst wenn man sich zu Beginn von Cormac McCarthys EIN KIND GOTTES hin und wieder der leisen Hoffnung hingibt und sich wünscht, Lester fände einen Weg raus aus dem Wald, zurück in die Gesellschaft des gottverlassenen Tennesse-Hinterlandes, wo niemand unversehrt scheint, schlägt einem bereits auf der nächsten Seite ein noch widerwärtigerer Brodem …