Han Kang – Die Vegetarierin

Fremdfremdfremdfremd – spricht man ein bekanntes Wort nur oft genug hintereinander laut aus, entkoppeln sich Signifikant und Signifikat, verkommt das Gesprochene mir nichts, dir nichts zum willkürlichen Buchstabenbrei, der, somewhere lost in transition, seine ursprüngliche Bedeutung verliert und zunehmend befremdlicher und unverständlicher wird, bis man sich schließlich fragt, ob das, was man da gerade vor sich hinmurmelt überhaut das sei, was man glaubt und wer auf die willkürliche Idee kam festzulegen, diese fünf Buchstaben bedeuten fürderhin eben genau dieses. Nicht jenes. Das ist im Koreanischen nicht anders, als im Deutschen und doch beschleicht einen während der Lektüre von Han Kangs DIE VEGETARIERIN die unangenehme Ahnung, es existiere zwischen diesen beiden sprachlichen Ebenen, zwischen Bezeichnendem und Bezeichnetem, ein weiteres, geheimnisvolles Level kulturellen Konsens‘ und gemeinschaftlicher Erkenntnis, dessen unbesiegbarer Endgegner dafür sorgt, dass man – Augen, Mund und limbisches System offen wie ein Scheunentor – neben den Figuren des Romans durch ein unglaubliches Drama stolpert, dessen Geschehen man verständnislos zur Kenntnis nimmt, aber kaum zu durchdringen vermag. Fremd sind sie sich alle hier in Seoul; Ehefrau und Ehemann, Bruder, Schwester und Schwester, Vater und Tochter, Schwager und Schwägerin; skeptisch und durchscheinend dünn stehen sie in einem absurd reaktionären Umfeld in so tiefem Unverständnis und kalter Gleichgültigkeit nebeneinander, sind einfach nur so da, dass man sie nach und nach aufgibt und ihnen die rettende Hand entzieht, um sie dem finsteren Grund eines Eismeeres aus Selbstgerechtigkeit und Dumpfheit entgegen sinken zu lassen und sein eigenes fröstelndes Herz samt des winzigen Restes an Sympathie, den man aufzubringen vermag, an genau jene hängt, der im Roman selbst die größte Verständnislosigkeit entgegenschlägt. Weil sie eines Tages beschließt, kein Fleisch mehr zu essen. Danke an @ichundelaine4711.

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