Judith Schalansky – Der Hals der Giraffe

In den Sonnenstrahlen, die durch die schlecht geputzten Fenster scheinen, wirbelt der Staub der Jahrzehnte von den Regalböden der Präparatesammlung, die abgestandene Luft riecht nach den toten Fliegen und Wespen auf den steinernen Fenstersimsen, so trocken, dass sie zerfallen, berührt man sie; riecht nach den Milben in Fell und Federn der präparierten Hermeline und Kolkraben; nach dem Formalin der vergilbten Gläser voller Kröten, Schlangen und Lurche, nach dem Angstschweiß der Schüler, dem trockenen Speichel in ihren pickligen Mundwinkeln, ihren fettigen Haaren, dem Talg ihrer verstopften Hautdrüsen und nach ihren billigen Deodorants. Prädator dieses Biotops der erbarmungslosen, biologischen Wahrheit ist Inge Lohmark. Lehrer zu hassen ist leicht, Inge Lohmark zu hassen scheint sogar noch leichter. Unumstößlich wie der Zitronensäurezyklus steht sie seit Jahrzehnten an der Spitze der Nahrungskette des Biologiesaals und der Sporthalle. Als Kriegerin der Empirie hat sie die Schemata des (Schul-)Lebens durchdrungen und verstanden, weiß um den ewigen Kreislauf und ihre eigene Endlichkeit. Doch mit jeder Seite in Judith #Schalanskys grandiosem Roman DER HALS DER GIRAFFE, denkt man mehr und mehr: „Ach, Inge. Arme, einsame Inge.“ Man möchte Inge in den Arm nehmen und ihr zeigen, dass es eine Wahrheit neben der perfekten Symmetrie der Qualle gibt. Dass die Wahrheit des Menschen mehr ist, als sein genetischer Code. Schütteln will man Inge, weil man spürt, dass auch sie das ahnt, vielleicht sogar weiß und doch nicht zulässt. „Ach, Inge, du kannst nicht anders“, denkt man dann.

Der Hals der Giraffe bei Suhrkamp

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